Gedichte

 

Mein Herbst

Mein Blattwerk
bricht so beladen
der Worte, Sätze, Taten
ab
Wie üppig vergeht es
Der Abschied ein solches Fest
Denn der Schluss soll bloss das schönste
meiner tanzenden Kurven
Die Kräfte so farbintensiv
also sein
Völlig verdreht und genial
Als habe man den Morgen bis den Abend gespeist
Erinnert mich, woher und wofür
es mein Leben verraucht
Eine Epoche Vergangenheit mehr
verfließt

Welche Äste über Jahre gereift
oder verdorrt
Heute schlicht nackt
Tu sie betrachten
Das Gerippe, der Tod
der das Leben gebiert
es ausatmet
es abatmet
und verliert
es loslassen muß

Und sinne darüber nach
wie weit habe ich mich der sonnigen, sternigen Quelle zugewandt
wie weit mich dem Erdreich anvertraut, das mich entsandt
Wohin haben sich meine vielen Seiten
bloss ausgerichtet
oder verkehrt

Wachstum im Herbst
Ein Sichten
Betrachten
Erkennen
Verzeihen
Ein Nicken
Lächeln
Danken
für all‘ die Irrtümer
und für das Erreichte
Schweres Astwerk – Inbrunst der Angst –
lasse Donner und Doria krachen
wenn’s fällt

Oh, ich freue mich
auf das Kommende
Der Schöpferkraft entnommenes
Geschenk des Lebens
Meine Neugeburt
Auf Erden
oder dem sich anschließenden
Kuss unserer Existenz

Der Baum wurzelt erdig und dunkel
Der Baum wurzelt luftig und licht
Das Verborgene gibt Halt von unten und nährt
Das andere gibt Antwort
ob der Saft zu fließen schafft
Und verspricht
sich
Manchen Tag vielzu viel
um zu locken
und zu narren

Um die Nacht mit dem Tag
zu erschrecken
zu befruchten
zu vermählen
Um Lebensraum zu schenken
in Gezeiten zu atmen
zu spüren
zu erleben
zu berühren
zu stöhnen

Denn das Leben
ist schon hart
ist auch Spaß
ist ein Spiel

Nur im Licht
bliebe ich dämlich blind
Erst Konturen und Schatten lassen erahnen
zeichnen uns vor
auf wie vielen Stufen
zu jedweder Form
ein Gefühl zu verbannen
wir begabt sind

Denn was vermag selbst eine Wüste aus trockenem Sand
mit nur einem Guss im Jahr
zu sein
So hart sie auch daliegt
so radikal
Wenn das Feuchte das Trockene erwischt
schmilzt sie zum Garten
lebendig und reich
und unfassbar zart
Born by the opposite

An einem Baum sehe ich
Hast du Platz
Hast du Licht
Hast du Freunde, welche unterirdisch
dich zu unterstützen verstehen
wenn du schwächelst

Und bietest du anderen Raum zum Staunen
Gibst Du den Vögeln – den Gedanken und Ideen aller –
ausreichend Halt und Einkehr
Schützt du all‘ ihren Mut, auch dich zu besuchen
Auf dass sie im Nest gedeihen und schließlich zum Himmel schießen
auf anderen Bäumen zu verkehren
das Erdreich weiterhin mit Samen zu verzieren
zu beseelen
Ein Netzwerk im Himmel zu fabrizieren
tanzend
schwingend
bunt wie schwarz
Im Luftraum die unsichtbaren Wellen mit ihren Flügeln schlagend
krächzend und singend

Der Herbst ist mein Brunnen
der Einkehr
der Sammlung
und so gesehen des besonnenen Rückzugs
Um zu verschnaufen und mich zu beruhigen
Um besser zu hören, was noch ungeboren
das tief in mir brütet
und nach Außen verlangt
Wild rose

Die Stillzeit des Jahres
sie nährt
denn mein Mut scheint verzehrt
Meine Kraft einem Spinnfaden gleich
nur widerstandsfähig im unsichtbaren Reich
Daher schmecken die Suppen und Breis
Mein Magen ein Topf warmer Essenzen
wenn’s draußen recht düstern und kalt
nach Innen mich prügelt
wo ich wachse und staune
wo ich im schwarzen Meer träume
und unnützes aussiebe
So I’ll kill my darlings

Der Herbst ist Spiegel meiner verflossenen Zeit
Der mir erzählt
wer ich gestern war
wer ich heute bin
Und wofür es sich lohnt
weiter zu leben
gen einem nächsten
wirklich jungen
Morgen

Der Herbst ist ein Wolf
dessen Nähe mich an den Ofen lehnt
Alles nahrhafte zu tilgen
was nicht mehr gedeiht
Alsbald Funken verschenkt
meiner Innenschau zum Fraß

Der Herbstputz
ein flammendes, loderndes Licht
Vernichtend
und verheißend
Verzehrend
und wärmend
Denn bitter
und süß
füttert er das Skellett
Und bettet mich und meine Krise der Nacht
Mit Blättern gleich Laternen

Und der Wind trägt sie weit
über die Welt ihre Köpfe
All‘ die Segel fliegen hinab
verrotten im Kreislauf
Köstlich
und segnend
Und wenn der Regen sie braun schwämmt
seufzt Mutter Erde mit Dank
für den Humus
Der die Samen des nahenden Frühlings
bald als liebendes, wiegendes Boot
gen Sonne schaukelt

Ein Baum im Herbst
sei auch ich
Und ich stell‘ mir die quälende Frage
Ob es mich schon etwas mehr
oder immer noch nicht
autark
und stark an Lust
das All zu ertragen
gibt
Daher werfe ich Feuerholz
auf die Waage
um mich wie ein Heißluftballon
zu erleichtern
Meinen Auftrieb zu laden

Dem Himmel sei Dank
dass es mich gibt
Denn kann ich mich spüren
wird auch Schmerz sich injizieren wollen
Wenn mein Gerippe
sich anschickt zu wachsen
Und wenn gelegentlich die Weisheit den Mond verläßt
auch mein Land zu bereisen
etwas preiszugeben
es weiß
und kristallen
zu erhellen

Wie lange hat der Herbst
mir dieses nicht verraten
Zu tief vergrub ich meinen Kopf
und ließ ihn warten.
 
 


 
 
Mein Feind

Dunkel die Nacht
ich seh‘ Schwärze
Geh mitten rein ohne Stern
Kenne die Richtung nicht
mir ist bang

Weit vor mir strahlt hell erleuchtet
eine Zielscheibe – welch‘ ein Trug
Ich stolper vor Angst
denn mein Feind ist wirklich nah

Ach, und ich weiß
nur ein Wolf
kennt den Feind, der mich jagt
Oh, ich fürchte seine Nähe
Plötzlich merk‘ ich: er ist – da

Mein Blick schießt blindlings gen Ziel
Jeder Schritt sucht sich Halt visuell
Bloß ein Lichtfleck umhüllt von
grenzenloser Angst

Doch der Augenblick schärft meine Sinne
Das Tier starrt mich klärend an
Trotz Schwärze:
Es zeigt mir den Feind
den ich fürchte

Und ich erstarre
ob der Erkenntnis
– Ich selbst bin mein Feind –
Welch‘ ein Entsetzen mich ernüchtert
Oh, was bin ich mir nah

Kalt strömt der Abend durchs Dorf
Knirschend mein Schritt über Schnee
Ungezähmt streift mich das Fell
von einem Wolf

Da drüben liegt endlich mein Garten
Ein Rudel Hunde wartet am Zaun
Gewappnet erreich‘ ich das Tor
Ich bin stark

So stapf ich ruhig durch den Traum
alle Triebe vereinend
So streif ich lächelnd durch’s Revier
Denn der Wolf gehört zu mir

So streif ich mutig und frei
Licht und Schatten sind sich eins
Eine Natur so unberührt
Und hier gehört der Wolf her.

(Liedtext, Album „Fluss“)